Im Steinzeitalter der Informationstechnologie stieß ich als fußballbegeisterter Junge auf ein Panini-Sammelbild einer englischen Mannschaft in merkwürdigen Trikots und mit unergründbarer Herkunft. Weinrot und hellblau begegnete ich zunächst mit einer gewissen Skepsis, aber schon beim zweiten Blick, als das Bild an seinem Platz im Album klebte, gefielen mir diese Farben und der Name Aston Villa barg für die damaligen Verhältnisse einfach Anlaß zu wildesten Spekulationen. Wo dieses Aston lag, war nicht herauszubekommen, es mußte ein Stadtteil einer größeren Stadt sein – aber welcher? Und warum um alles in der Welt hieß der Club Villa?

Die Berichterstattung des “kicker” über den Auslandsfußball war damals bei weitem nicht so umfangreich wie heute, aber in der Saison 1980/81 spielte Villa in England ganz oben mit, und da ließ es sich dann nicht vermeiden zu erwähnen, dass der Club, in den ich mich inzwischen verliebt hatte, aus Birmingham kam. Am Ende der Saison gewann das Team die einzige Meisterschaft der Fußballneuzeit, und setzte dann in der folgenden Saison zu einem Höhenflug im damaligen Europapokal der Landesmeister an, und erreichte am 26. Mai 1982 das Finale gegen Bayern München. Man schaffte das Unglaubliche und brachte den Bayern die erste Endspielniederlage ihrer Geschichte bei, auch wenn ich zugebe, das Villa an diesem Abend sehr, sehr viel Glück hatte.

Es folgte ein rapider Niedergang. Ende der Achtziger spielte man für eine Saison nur zweitklassig, und mangels Europapokalteilnahmen hatte ich seither keine Chance mehr die Mannschaft zu sehen, wenngleich ich natürlich am Wochenende regelmäßig den Videotext bemühte, um mich über die Geschicke des Clubs zu informieren. Die Möglichkeit Villa im Dezember 2008 hier in Hamburg in der Arena zu sehen, habe ich aus unterschiedlichen Gründen bewußt nicht wahrgenommen.

Das Internet und vor allem eine DSL-Flatrate versorgten mich dann mit weitergehenden Informationen, und über englisch- und deutschsprachige Fanforen erlangte ich nach und nach Kenntnis über Möglichkeiten Spiele am Bildschirm zu sehen, und wo man am besten Fanartikel und Tickets herbekommt.

Trinity Road Stand - Die Haupttribüne

Trinity Road Stand - Die Haupttribüne

Am 20. Februar startete ich also mit zwei Begleitern nach Birmingham, um am nächsten Tag das Spiel gegen Burnley zu verfolgen. Der Flughafen Birmingham International ist recht putzig, angesichts seines wichtigtuerischen Namens, aber dafür auch sehr übersichtlich und man muß nicht kilometerweit laufen, bis man mal nach draußen kommt. Da unser Hotel zentral in der Nähe des Hauptbahnhofs in der New Street lag, fuhren wir mit einem Doppeldeckerbus Richtung City. Die Preise für den öffentlichen Nahverkehr sind, gerade im Vergleich zu London, extrem human. Da es keinen deutschsprachigen Stadtführer gibt, und ich einen englischsprachigen erst soeben am Flughafen erstanden hatte, verließen wir unter Umständen nicht an der günstigsten Haltestelle den Bus, aber wir waren in der Nähe der New Street Station, von der unser Hotel nicht weit entfernt liegen sollte. Es dauerte tatsächlich nur zehn bis fünfzehn Minuten, da standen wir vor dem Jurys Inn in der Broad Street. Wie wir später entdecken sollten, ist die Broad Street so etwas wie Birminghams Walk Of Fame, denn hier sind Sterne in den Gehweg eingelassen, mit Namen wie Ozzy Osbourne, Tony Iommy und anderen Brummies, die es zu etwas gebracht hatten. James Watt, der in dieser Stadt die Dampfmaschine erfunden hatte, war natürlich ein goldglänzendes Denkmal vorbehalten, auf dem ihn zwei andere Herren umrahmen, deren Namen und Verdienste ich schon wieder vergessen habe. Mir bleiben eben am liebsten Fußballer und Rockmusiker im Gedächtnis.

Am Sonntag morgen lag Schnee auf den Straßen, und Villa-Park hat keine Rasenheizung. Also schnell duschen, raus auf die Straße und – Erleichterung: Der Schnee war so matschig, dass die Temperaturen über dem Gefrierpunkt liegen mußten. Nach dem Frühstück verfolgten wir im Fernsehen die Sportberichte, und im Laufe des Vormittags waren etwaige Zweifel ausgeräumt. Das Spiel würde wie geplant stattfinden. Gegen Mittag schlenderten wir dann Richtung New Street Station, nahmen dort noch eine kleine Stärkung zu uns und kauften Tickets für den Zug Richtung Walsall. Vom Bahnsteig der Witton Station sah man den Villa-Park dann schon, und innerhalb weniger Minuten hatten wir das Stadion erreicht, kauften ein Programm und begaben uns auf unsere Plätze zur Haupttribüne. Die Atmosphäre im Stadion war merkwürdig, so mancher deutsche Besucher würde enttäuscht sein, denn das Publikum, das zum allergrößten Teil erst auf den letzten Drücker erschienen war, war ziemlich ruhig. Selbst die Fankurve, das Holte End, hielt sich gesangsmäßig sehr zurück. Stattdessen herrschte fast eine Art Gottesdienststimmung, in der jeder inbrünstig dem Team die Daumen drückte, aber nur ja nicht laut werden durfte.

Das Holte End

Das Holte End

Der FC Burnley war mit einer desolaten Auswärtsbilanz angereist, denn die Mannschaft hatte bis dahin nur einen Punkt auf fremden Plätzen errungen. Villa war im Kalenderjahr noch ungeschlagen, und wie so oft unter solchen Vorzeichen schien das Unglück seinen Lauf zu nehmen, als Burnley einen Abwehrfehler ausnutzte und die Führung erzielte. Meine Zuversicht schmälerte das erstmal nicht, obwohl unsere Angriffsbemühungen kaum Torgefahr heraufbeschworen. Ich wußte, wir werden das Spiel gewinnen. Erst später fiel mir wieder ein, dass der HSV verloren hatte, als ich das erste mal im Volksparkstadion gewesen war. Die Burnley Fans machten sich mit der Führung im Rücken lautstark bemerkbar, aber das Holte End schwieg souverän. Ich kann nicht sagen, ob man ein Team und seine Anhänger, das seit über drei Jahrzehnten nicht mehr erstklassig war, nicht als echte Herausforderung ansah oder ob man sich ernstlich sorgte. Jedenfalls wurde, anders als ich es früher vom HSV Publikum gewohnt war, nicht gepfiffen und selbst bei ganz schwachen Aktionen, wenn z.B. ein Ball verstolpert wurde, nur geraunt. Kurz vor der Halbzeit schlug Ashley Young eine Hereingabe von halblinks in den Strafraum Burnleys, und weil der Ball von zwei Verteidigern hauchzart abgefälscht wurde, verirrte er sich ins Tor. Da wurde es dann doch schon etwas lauter. Mit 1:1 ging es in die Pause, in der Villamanager Martin O’Neill dem späteren Vernehmen nach eine deftige Halbzeitansprache gehalten hat.

Und dann machte Villa wirklich Dampf, innerhalb von zwölf Minuten trafen Stewart Downing (2mal), Emile Heskey und Gabriel Agbonlahor zum zwischenzeitlichen 5:1. In der Nachspielzeit gelang Burnley dann noch das zweite Tor. Dieser Treffer verhinderte zwar, dass wir am Sonntag in der Tabelle am FC Liverpool vorbeizogen, aber noch ist nicht aller Tage Abend. Auf dem Weg zurück zur Witton Station gingen wir dann anders herum ums Stadion und entdeckten die Statue William McGregors, die im November 2009 errichtet worden war und die an die Verdienste dieses Mannes für den Fußball, wie wir ihn heute kennen, erinnert.

William McGregor Statue

William McGregor Statue

Entgegen meinen Befürchtungen verlief die Rückfahrt absolut gesittet. Da bin ich aus Hamburger U- und S-Bahnen ganz anderes gewohnt. Dort kommt es mitunter zu ständigen Fahrtunterbrechungen, weil sogenannte Fans, auch die vom FC St.Pauli, meinen, im Zug verrückt spielen zu müssen. Am Mittwoch darauf fand das nächste Spiel im Villa-Park statt, ein Wiederholungsspiel im FA-Cup, das 3:1 gegen Crystal Palace gewonnen wurde, wodurch Villa nun im Viertelfinale steht. Am Sonntag, den 28. Februar, haben wir die Ehre im New Wembley einzulaufen: Dort wird das Finale im Ligapokal gegen Manchester United ausgetragen. Wie erwähnt, wir sind 2010 ungeschlagen. Selbst wenn die Serie reißt, für mich gilt mehr denn je: Up the Villa!

Mit Dank für die Fotos an Akosombo.

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