Das Thema Investoren spukt im Moment fast überall herum, und die Mehrheit der deutschen Fans ist gegen Investoren, Abschaffung der 50+1 Regel und sogenannte englische Verhältnisse. Man kann diese Meinung durchaus vertreten, aber welche Gründe gibt es für diese Ansicht? Was bringt uns Fans die 50+1 Regel denn überhaupt?

Es melden sich viele Internet-User, Blogger und auch Journalisten zu Wort, aber selbst letztere können keine Argumente pro 50+1 liefern, sondern tun einfach so, als sei 50+1 ein Heiligtum, dessen Vorzüge und Schönheiten offensichtlich sind. Aber welche sind das? Gibt es wirklich Leute, die jahrzehntelang den Profifußball verfolgt haben und immer noch glauben, ohne entsprechendes Kapital sei im professionellen Sport auch nur eine einzige Partie zu gewinnen?

Wir scheinen tatsächlich ein Volk zu sein, das sich nicht nur politisch immer wieder selbst Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, sondern auch im Fußball. Wir werden die Romantik wohl nie los.

Deutschland hat sich als einziges der großen Länder Europas mehr als fünfzig Jahre nicht nur geweigert das Profitum im Fußball zu akzeptieren, es hat sich in der alten Bundesrepublik und davor sechzig Jahre lang nicht mal die Mühe gemacht eine landesweite Liga auf die Beine zu stellen. Gemessen an den vorsintflutlichen Strukturen vor der Bundesligagründung, muß man es schon als Wunder bezeichnen, dass wir bei Weltmeisterschaften mit der Nationalmannschaft bestehen konnten, dass wir uns jedesmal wenn wir es wollten oder durften, qualifiziert haben und dass wir sogar bis 1963 einen WM – Titel gewannen.

Jetzt waren wir im Fußball mal ein paar Jahrzehnte auf der Höhe der Zeit, und schon müssen wir wieder künstliche Hindernisse errichten und unbedingt bewahren wollen, die genausowenig Sinn haben wie das jahrzehntelange Festhalten an einem überholten Amateurismus und das Aufrechterhalten von Ligastrukturen, die noch aus dem Kaiserreich, den Kindheitstagen des DFB, stammten.

Wie gedankenarm die Debatte über 50+1 ist, zeigt doch auch, dass die Verteidiger von 50+1 nicht nur kein Pro – Argument liefern können, sondern bei jeder Gelegenheit zeigen, dass sie die speziell deutschen Probleme gar nicht erkennen, die sich ergäben, wenn 50+1 denn tatsächlich einmal nicht mehr existieren sollte. Hier wird etwas verteidigt, was die Verteidiger selbst nicht gedanklich durchdrungen haben, denn welcher Investor ist an den zahlreichen Amateurabteilungen der Vereine interessiert? Was passiert mit den Vereinsmitgliedern, die doch wohl irgendwie abgefunden werden müßten? Den englischen Clubs wiederum wird vorgeworfen ihr ureigenes Geschäft nicht zu verstehen, seltsame Logik, wo doch die Premier League national mindestens ebenso sehr boomt wie die Bundesliga und international ungleich erfolgreicher ist, wenn man sich die Spitze, nämlich die Champions League, ansieht. Aber auch das Erschliessen neuer Märkte, etwa dem in Fernostasien, dessen Potential kein einziger Bundesligamanager erkannt hat. Und das ist der Witz an der Sache: Die Engländer bzw. die englischen Clubs sind Pragmatiker und keine Romantiker. Profisport ist kein Tummelplatz für Idealisten, sondern Wettbewerb, auch wirtschaftlich. Wenn wir unsere Clubs daran hindern sich beispielsweise von einem Abramowitsch aufkaufen zu lassen, dann steht es uns schlecht an, den seit jeher freieren Wettbewerb in England zu verurteilen. Dort hat es etwas 50+1 oder auch nur ähnliches nie gegeben, trotzdem betreiben die da ihren Profifußball seit fast hundertdreißig Jahren. Die Blase, die sich dort gebildet hat, wird vielleicht irgendwann platzen, aber wer trägt die Verluste, die dann entstehen könnten? Die Investoren, die sich eben nicht bei Nacht und Nebel von ihrem Eigentum trennen könnten, indem sie sagen: “Ich habe jetzt keine Lust mehr.” Im schlimmsten Fall hängt einem das eigene Eigentum wie ein Klotz am Bein, aber auch das ist manchen nicht klar, weil sie ganz nach deutscher Tradition nur an Sponsor oder Mäzen denken können.

Was auch immer wieder vorgebracht wird, ist unser beispielhaftes DFL-Lizensierungsverfahren. Das hat, streng genommen, mit 50+1 nichts zu tun, aber sei’s drum. Welche Zahlen hat Schalke 04 in der letzten Saison eigentlich vorgelegt, als es eine Lizenz für die jetzt laufende beantragte? Die DFL bildet sich doch einiges darauf ein mit ihrem Verfahren den Spielbetrieb für die laufende Saison sicherzustellen. Was kann ein Club, der zukünftige Zuschauereinnahmen bereits verpfändet hat, eigentlich noch in der Hinterhand haben? Die englischen Clubs, die zugegebenermaßen hohe Schulden haben, sind aber ausgerechnet jene, die sich in der Hand milliardenschwerer Privatpersonen oder Konsortien befinden. Die DFL predigt den deutschen Fans das deutsche Lizensierungsverfahren, sei das weltweit Beste. Warum sollte man so etwas glauben, wenn sich beweist, dass es nicht stimmt.

Mir ist klar, dass viele deutsche Fans sich auf ihren Verein und die Bundesliga konzentrieren, da gibt es gar nichts dran zu kritisieren. Aber müssen wir wirklich so eindimensional an den uns vertrauten Vereinsstrukturen hängen? Der Gedanke den Weg für Investoren freizumachen, ist gewöhnungsbedürftig, aber man sollte sich einfach mal klarmachen, wieviel oder wie wenig ein Fan oder sogar Vereinsmitglied heute in Deutschland zu sagen hat. Hier können wir regelmäßig Leute wählen, die dann in ihrer Amtszeit machen, was sie wollen. Darüber hinaus ist 50+1 doch wachsweich, denn nicht nur Leverkusen und Wolfsburg unterlaufen kaltlächelnd diese Regel, sondern auch Hoffenheim und frühere Mäzenatenclubs wie Fortuna Köln, Wattenscheid 09 oder der Club mit Herrn Roth, und darin liegt meinerseits kein Vorwurf an die genannten Clubs und ihre Fans. Aber eine Regel, die man nicht verbindlich für alle durchsetzen kann oder will, ist absurd.

Was haben wir Fans ohne 50+1 denn zu verlieren?

Und wer profitiert denn nun von 50+1? Niemand anderes als die Aufsichtsräte, Vorstände und Manager unserer Bundesligakapitalgesellschaften, die sich durch diese – ansonsten sinnfreie – Regel ihre Posten sichern, denn was ist manipulierbarer als die klassischen Mitgliederversammlungen unserer werten Bundesligaclubs?

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