Wer kennt das nicht? Man schaut ein Fußballspiel und lauscht den Worten des Kommentators. Dieser nennt zu Beginn die Namen der ballführenden Spieler einmal öfter, um dem nicht ganz so versierten Zuschauer behilflich zu sein, schnell die beteiligten Spieler zu verinnerlichen: “Podolski stößt an, auf Klose – zu Frings. Frings passt zu Jansen, der verliert aber den Ball. Ballack erobert ihn zurück und gibt sofort weiter zu Gomez, der spielt zu Schweinsteiger…” usw. Nach einer Weile sinkt die Häufigkeit der Namen und dafür fallen zunehmend Synonyme wie “der Münchner/Bremer/Hamburger/etc.”, “der Routinier”, “der Goalgetter”, “der Youngster” und Ähnliches.

Damit kann ich eigentlich ganz gut leben. Auch wenn ich es albern finde, einen in Frankfurt geborenen und aufgewachsenen, ab der B-Jugend in Mönchengladbach ausgebildeten und mit 21 nach Bremen gewechselten Spieler “der Bremer” zu nennen, ist das seit uralten Zeiten (oder zumindest seit ich Fußball-Übertragungen in Rundfunk und TV folge) so und wird bei allen Spielern dementsprechend gehandhabt. Doch in den letzten Jahren gibt es eine zunehmende Unterscheidung von deutschen (National-)Spielern nach dem Klang ihres Namens und ihrer Haar- und Hautfarbe. Dabei wird nicht nur zwischen “der Stuttgarter/Dortmunder/Bielefelder/etc.” bei Spielern mit deutschklingendem Namen und mitteleuropäischer Erscheinung und “der Deutsch-Türke/Deutsch-Ghanaer/Deutsch-Iraner/etc.” bei Mesut Özil, Jerome Boateng und Ashkan Dejagah unterschieden. Nein, auch bei ausländisch klingenden Namen gibt es klare Unterschiede: Niemand würde Lukasz Podolski “Deutsch-Pole”, Marko Marin “Deutsch-Serbe” oder Aaron Hunt “Deutsch-Engländer” nennen und Mario Gomez wird auch nur sehr, sehr selten als “Deutsch-Spanier” bezeichnen. Aber jeder Ali, Mohamed, Ugur, Musemestre oder Mamadi mit schwarzem Haar und dunklerer Haut als Kellerbräune ist ausnahmslos ein “Deutsch-Türke”, “Deutsch-Tunesier”, “Deutsch-Kongolese” oder anderer “Deutsch-Ausländer” – völlig ungeachtet seiner Nationalität, seines Geburtsortes und dem Wesentlichsten: Seines persönlichen Heimatgefühls.

Das kann ich überhaupt nicht akzeptieren. Für mich ist das nichts weniger als eine selektive verbale Ausbürgerung deutscher Mitmenschen.
Das deutsche Volk ist für mich die Gesamtheit aller freiwillig in Deutschland lebenden Menschen. Aber vielleicht sieht das nicht jeder so wie ich, deshalb gehe ich für den Moment vom deutschen Volk der 75 Millionen Menschen in Deutschland mit deutschem Pass aus. Wikipedia weiß: “Knapp 7,3 Millionen hier lebender Menschen sind ausschließlich ausländische Staatsbürger. 15,3 Millionen Einwohner Deutschlands hatten im Jahr 2005 einen Migrationshintergrund [...] Im Jahr 2006 lebten nach einer etwas anderen Definition (ebenfalls vom statistischen Bundesamt) 15,1 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.”
Es lässt sich also mit einer gewissen Sicherheit davon ausgehen, dass derzeit ungefähr 8 Millionen von 75 Millionen Deutschen Nachfahren von Einwanderern, Doppelbürger oder ehemalige Ausländer sind, die mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben oder bereits als Kinder eingebürgerter Einwanderer als deutsche Staatsbürger auf die Welt gekommen sind – mehr als zehn Prozent aller Deutschen. Oder, nach meiner Definition des deutschen Volkes, über 15 Millionen von 80 Millionen Menschen in Deutschland – das sind schon fast 19 Prozent. Also fast jeder Fünfte Mitbürger in Deutschland hat Eltern oder Großeltern, die im Ausland geboren wurden oder ist selbst noch im Ausland geboren worden. Aber sie leben alle – 15 Millionen Menschen – in Deutschland und möchten wie jeder andere Mensch auch als vollwertiger Mensch anerkannt werden. Mindestens 8 Millionen von ihnen wollen außerdem auch als Deutscher anerkannt werden, denn sie sind Deutsche. Auch wenn sie etwas anders aussehen oder schwierig auszusprechende Namen oder noch eine oder zwei anderer Staatsbürgerschaften haben oder einst hatten, es sind genauso Deutsche wie jeder andere auch, es gibt nur eine Sorte von Deutschen – die mit einem deutschen Pass.

Was hat das jetzt mit Fußball zu tun? Nun, viele von ihnen spielen eben auch in Deutschland Fußball und einige von ihnen sind gute Fußballer, so gut dass sie für den DFB spielen können. Das freut mich, denn das ist ein Spiegel der deutschen Gesellschaft (ich würde sagen: “des deutschen Volkes”). Wenn zwischen 10 und 18 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben, muss doch ceteris paribus eigentlich jede deutsche Mannschaft auch etwa einen oder zwei Deutsche mit Migrationshintergrund in seiner Startelf haben – laut den Gesetzen der Statistik wird es natürlich auch Mannschaften mit viel mehr oder weniger geben, selbstverständlich. Aus Erfahrung weiß man, dass es Migrantenkinder besonders mit ausländischem Aussehen oft schwer haben im Alltag, nicht selbstverständlich als Deutsche akzeptiert werden. Dieses Problem kann und wird nur über eine lange Zeit der Aufklärung und Gewöhnung behoben werden können. Aber dazu ist eben auch unbedingt die Vorbildlichkeit von Rundfunk, Fernsehen und Printmedien notwendig. Und wenn nun permanent die Özils, Tascis, Boatengs und Choupo-Motings (alle in Deutschland geboren, aufgewachsen und Inhaber der deutschen Staatsbürgerschaft) zu “Deutsch-Ausländern” erklärt werden, die Kuranyis, Kloses und Podolskis (allesamt im Ausland geborene und als Kinder nach Deutschland gekommene Inhaber der deutschen Staatsbürgerschaft) dagegen nicht, braucht sich niemand wundern, wenn auch der Otto zu Hause diese unsäglichen Unterscheidungen vornimmt und gebürtige Deutsche als Ausländer betrachtet.

Abschließend noch ein paar grundsätzliche Gedanken zum Begriff. Was bedeutet beispielsweise “Deutsch-Türke” eigentlich? Zunächst einmal ist das ein zusammengesetztes Substantiv und als solches hat es einen charakterisierenden (zweiten) und einen spezifizierenden (ersten) Teil. Wie bei “Kleiderschrank” und “Kühlschrank” leicht zu erkennen ist der zweite Teil derjenige Hauptbegriff, der durch den ersten Teil genauer erklärt wird. Beides sind eben Schränke, die sich etwa durch den Anwendungsbereich unterscheiden. Übertragen auf “Deutsch-Türke” heißt das doch, dass dieser Begriff eine Art besonderen Türken beschreibt, also einen türkischen Staatsbürger. Konsequent weitergedacht würde das bedeuten, dass es sich um einen türkischen Staatsbürger mit deutschen Vorfahren handelt. So wird es schließlich auch überall sonst und vor allem im Einwanderungsland Nummer eins gehandhabt: Es gibt african americans (Afro-Amerikaner), native americans (Indianer), asian americans (asiatischstämmige Amerikaner), latin americans (Latein-Amerikaner), und immer so weiter. Man bemerkt sofort – die gemeinsame Klammer ist die amerikanische Nationalität, die individuellen Unterschiede in der Herkunft sind zweitrangig. Selbstverständlich sind gerade die Amerikaner überaus stolz auf ihre jeweilige “heritage” (Abstammung), nicht zufällig werden noch immer in einigen amerikanischen Gegenden viele urdeutsche Bräuche und sogar die deutsche Sprache des 18. Jahrhunderts gepflegt. Aber in erster Linie und öffentlich ist man Amerikaner, die Herkunft ist Privatsache – wenn auch als solche überaus wichtig.

“Deutsch-XY” ist also nicht nur als Begriff diskriminierend, sondern dazu auch noch semantisch falsch. Ein Deutscher mit türkischen Vorfahren müsste “Türk-Deutscher” genannt werden und nicht anders. Genauso wie der amerikanische Präsident Afro-Amerikaner oder kenianisch-stämmiger US-Bürger ist und nicht “US-Kenianer”, wie der französische Regierungschef Franzose mit ungarischen Vorfahren (oder “Hungaro-Franzose”, was aber wohl auch niemand sagen würde) ist und nicht “Franko-Ungar”, so sind auch alle Deutschen mit Migrationshintergrund “XY-Deutsche” und keine Ausländer mit einem Alibi-”Deutsch-” davor.

Je eher diese dumme Unterscheidung von Deutschen und “Deutsch-Ausländern” verschwindet, desto besser.

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