Neues beim ehemaligen Welt-Hertha-Linke Blog. Dieser heißt nun Hertha BSC Blog , wurde vor Kurzem eröffnet und dort wird nun weiterhin regelmäßig über den Fußball der alten Dame berichtet. Bevor der Relaunch stattfand, gab mir Enno ein Interview und darin sprachen wir u.a. über die Image-Probleme der Hertha und die strukturellen Veränderungen im Verein.

Bisher erschienen im “Bloggerblick”:
Es muss wieder Spaß machen, auf Schalke zu gehen
Oenning hat in sehr kurzer Zeit sehr viel richtig gemacht
Hoffenheim hätte letztes Jahr schon alle schlagen können
Gomez war eine Naturgewalt
Die Niederlagen gegen Bremen haben an der Substanz gezehrt
Die Titelverteidigung ist utopisch
Wiese ist zu einer absoluten Kultfigur geworden
Dutt ist taktisch eine Klasse besser als Finke
“Der Abstieg wäre für Mainz keine Schande
Die Erwartungen sind in Gladbach meist zu hoch
Adler muss sich wieder fangen
Hoffentlich hat Meier aus der Vergangenheit gelernt
Wenn wir die ersten 3 Spiele verlieren, dann brennt die Bude

Das landläufige Image der Hertha tendiert in Richtung einer grauen Maus. Würdest du zustimmen?
Ja, irgendwie schon. Das Stadion ist nicht voll, alles wirkt grau, das ist nicht nur der Gedanke in Fußball-Deutschland, sondern das hat sich leider auch in Berlin gefestigt. Die Meisten, die noch nicht im Stadion waren denken eh, dass da tote Hose ist und die Hertha einen Grottenfußball spielt. Dies kann man u.a. auf die Medienberichterstattung zurückführen, weil insbesondere die Berliner Presse unheimlich kritisch schreibt und damit eine miesepetrige Stimmung verbreitet. Diese wird dann natürlich über Berlin hinaus wahrgenommen.

Hat sich, durch die erfolgreiche letzte Saison, in diesen Dingen etwas geändert?
Ich glaube nicht. Selbst für die sich als seriös bezeichnende Presse ist alles schon wieder Land unter. Hier herrscht zum Teil eine wahnsinnige Schwarzmalerei. Es wird sehr stark auf einzelne Spieler und Personen reduziert und sogar der Abstieg an die Wand gemalt. Wenn sich Erfolg einstellt, wird das solange mit Skepsis betrachtet, bis sich keiner mehr dagegen wehren kann. Erst dann wird positiv, bisweilen euphorisch berichtet, wie z.B. in diesem Frühjahr als der Titelgewinn realistisch war. Sobald die Saison endete, war schon alles wieder schlecht. Hertha müßte langfristigen Erfolg haben, damit sich auch die Sicht auf den Verein ändert.

Dann war die Berichterstattung, die man so mitbekam – “Die Hertha wird von allen Berlinern inzwischen angenommen” – scheinbar ein bißchen übertrieben.
Genau. Das Olympiastadion ist wirklich nur dann voll wenn Hertha Erfolg hat, da es dann natürlich auch hip und angesagt ist ins Stadion zu gehen. Sobald man ins Mittelfeld abrutscht, kommen dann auch wieder nur 35.000 Zuschauer und dann fühlen sich die wieder bestätigt, die sagen: “Das mit der Hertha ist einfach nix”.

Was erwartest du persönlich von der neuen Saison?
Sportlich wäre ich mit einem einstelligen Tabellenplatz zufrieden, das internationales Geschäft wäre genial. Aber es wird sehr eng, v.a. wenn Mannschaften wie Schalke und Bremen wieder besser werden. Daneben finde ich total spannend, wie sich die Vereinsstrukturen entwickeln werden, nachdem Dieter Hoeneß und einige wichtige Vertraute  ”gegangen wurden”. Man redet nun schon darüber in den Jugendabteilungen die Trainer auszutauschen und strukturelle Dinge grundlegend zu verändern. Hinter den Kulissen wird da einiges passieren und ich hoffe das sich dadurch das Image und Selbstverständnis des Vereins verbessert. Hoeneß hat mit seiner autoritären Art jenes sehr geprägt. Wenn sich der Verein nun neu und gut aufstellt, könnte er leicht eine andere Wirkung erzielen.

Demnach findest du es gut, dass Hoeneß “gegangen wurde”?
Er hat es nicht gelernt, Verantwortung und Kompetenzen abzugeben und in der Außenwirkung andere Leute neben sich zu akzeptieren. Natürlich ist das eine Fremdbeurteilung meinerseits, aber ich hatte immer den Eindruck, dass er alles total unter Kontrolle haben möchte und bei jeder Entscheidung partout mitwirken wollte und das ist auf Dauer für den Verein sehr lähmend gewesen. Man hat ihm aber auch viel zu verdanken, man denke da an die UFA-Millionen, durch die einiges möglich wurde. Aber es war jetzt einfach Zeit einen Strich zu ziehen. Es ist bereits eine neue Stärke des Vereins diesen Umbruch sehr reibungslos geschafft zu haben. Bisher gab es noch kein Nachtreten oder Ähnliches.

Zum Team: Wichniarek als Nachfolger von Pantelic und Voronin. Wie soll das funktionieren?
Gute Frage. Sehr spannend. Wenn es super läuft macht er seine 15 Tore. Kann aber auch genauso laufen wie in der Bielefelder Rückrunde, also gar nicht. Aber Amine Chermiti ist auch noch da. Der hat sich im letzten Sommer schwer verletzt, wodurch Voronin erst geholt wurde. Insofern ist das nominell ein adäquater Ersatz.

Kann Raffael da auch einiges beisteuern?
Eigentlich ist das ein genialer Spieler, aber von der Körpersprache hat man manchmal das Gefühl: “Oh Gott, jetzt schläft er gleich mitten auf dem Platz ein”. Aber das ist eben seine Art, um dann unauffällig in die offenen Räume reinzustoßen. Ein starker Instinktfußballer mit hohem taktischen Verständnis, der, wenn er noch ein wenig mehr Präsenz zeigt und mehr Zug in sein Spiel bekommt, eine Menge Luft nach oben hat.

Haben die Berliner wie Schlosshunde geweint, dass Simunic dann auch noch weg ging?
Ich fand Simunic besonders in der Rückrunde beeindruckend, als er sich als Sprecher der Mannschaft und des Vereins profilieren konnte und offensiv von der Meisterschaft gesprochen hat. Da hat man gemerkt, dass solch eine Führungsperson in der Mannschaft gebraucht und anerkannt wird. Daher wird er nicht leicht zu ersetzen sein. Arne Friedrich ist zwar seit Jahren Kapitän, aber für diese Rolle ist er ein etwas zu spröder Typ. Pantelic und Voronin haben auch sehr viel Raum ein- bzw. weggenommen und ich erhoffe mir, dass Spieler wie Kacar oder Cicero in diese Lücken hineinwachsen können.

Trainer Favre ist als wahrer Taktiker bekannt. Hat er die Berliner, über das normale Verständnis hinaus, für diese intensive Sicht auf den Fußball sensibilisieren können?
Wenn man sicher näher damit beschäftigt, ist es höchst interessant, wie betont taktisch Favre den Sport auslegt und wieviel Wert er darauf legt. Da wächst dann auch das Verständnis für Sachen wie “Verschieben” und “Wandspieler”. Aber heute ist das relativ normal, die Trainer werden längst nicht mehr verlacht, wie einst “Professor” Rangnick, damals im Sportstudio bei seinem missionarischen Einsatz die Viererkette zu erklären. Der Masse der Fans interessieren solche taktischen Sachen natürlich eher weniger.

Ist Favre denn beliebt in der Hauptstadt?
Da gehen die Meinungen auseinander. Wenn der Erfolg da ist, klar. Ältere Hertha Fans sagen jedoch, dass diese Mannschaft zu konturlos, zu grau und ohne Führungsspieler ist. Da ist für manche ein Stück weit die Identität verloren gegangen in den letzten Jahren.

Der Blick in die weitere Zukunft. War die letzte Saison ein Ausrutscher oder bleibt man da oben?
Das wird schwierig. Da die Hertha die finanzielle Zukunft für die nächsten 15 Jahre – 30 Millionen Euro Schulden müssen abgebaut werden und die Vermarktungsrechte an Sportfive sind bereits bis 2018 vergeben – verkauft hat. Das ganze Merchandising ist ebenso fast schon gegessen, da ist nicht mehr viel raus zu holen. Andere Vereine haben da viel mehr Möglichkeiten.

Enno’s Managerspielempfehlungen
Es könnte die Saison von Lukas Piszczek werden. Lucio Carlos scheint tatsächlich, nach 2 Jahren Abstinenz, wieder fit zu sein und im Sturm wird Chermiti seine Zeiten bekommen.

Autor: gses

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